Reh cover

Rehwild

Letzte Aktualisierung: 06.09.2021

Zusammenfassung

Rehe sind die häufigste und kleinste Art der Hirsche in Europa. Als Trughirsche sind sie näher mit dem Elch verwandt als mit dem Rotwild. In der Sommerdecke ist es rotbraun und im Winter graubraun mit weißem Spiegel. Duftdrüsen an Stirn und Läufen dienen der Markierung des Reviers und dem Jagdhund als Fährte. Als Konzentratselektierer lebt das Rehwild im Sommer einzeln. Auch die Brunft der Rehe – die Blattzeit – findet Einzeln statt. Da die Rehkitze häufig im Grünland abgelegt werden besteht leider eine hohe Ausmähgefahr, welcher mit modernen Technologien entgegengewirkt wird.


Allgemeines

Begriffe

Bock, RehbockMännliches Reh
Ricke, Geiß, AltrehWeibliches Reh
JährlingBock des 2. Lebensjahres
SchmalrehRicke/Geiß des 2. Lebensjahres
KitzJungtier bis zum 31.03. des 1. Lebensjahres

Zoologische Zuordnung

OrdnungPaarhufer / Schalenwild
UnterordnungWiederkäuer
FamilieHirsche
UnterfamilieTrughirsche

Körpermaße

  • Unterschiede je nach Standort und Äsung
  • Wachstum bis etwa 6 Jahre
  • Höhe (Widerrist): 60 – 80 cm
  • Gewicht: 14 – 20 kg

Aussehen

Haarkleid

  • Verfärbt zweimal jährlich im Frühjahr (Mai/Juni) und Herbst (September/Oktober)
    • Wild in guter Verfassung verfärbt vor Wild in schlechter Verfassung.
    • Vereinfachung: Jung verfärbt vor alt.
  • Sommerdecke
    • gelb-rot bis rotbraun
    • Spiegel kaum erkennbar
    • Unterseite heller
  • Winterdecke
    • grau bis graubraun
    • Spiegel weiß
    • Unterseite eher heller
  • Kälberfleckung: Weiße Tarnflecken von Kälbern bis zum ersten Haarwechsel
  • Ausnahmen
    • selten: Schwarzes Rehwild (Nordwestdeutschland)
    • sehr selten: Albinos und Schecken

Rehbock im SommerkleidRehwild Ricke WinterkleidRicke verfärben

Jung verfärbt vor alt.

Körperteile

  • Das Geweih des Rehbocks wird auch als Gehörn bezeichnet.
  • Pinsel: Männliches Geschlechtsteil beim Rehbock und Keiler
  • Weißer Spiegel
    • ♂: Nierenförmig
    • ♀: Herzförmig mit Schürze
    • Muffelfleck: Weißer Fleck am Nasenrücken einzelner Rehböcke

    Spiegel des RehbocksSpiegel und Schürze der Ricke

    Duftdrüsen

    • Funktionen
      1. Reviermarkierung
      2. Anlocken der Partner
    • Aufbau
      1. Stirnorgan (Stirn)
        • nur beim Rehbock
        • Reviermarkierung beim Fegen
        • Markierung des Einstandes
      2. Klauensäckchen (zwischen den Schalen der Läufe) → Duftfährte
        • beide Geschlechter
      3. Laufbürste (Sprunggelenk der Hinterläufe) → Duftfährte
        • beide Geschlechter

    Geweih

    Allgemeines

    • Das Geweih wird beim Rehwild auch Gehörn genannt.
    • Nur der Rehbock trägt ein Gehörn.
    • Die Färbung entsteht durch Pflanzensäfte beim Fegen.
    • Gehörnstufen: Summe der Enden der endenreichsten Stange verdoppeln
      • Beispiel 1: 2 x 3 Enden = gerader Sechser
      • Beispiel 2: 3 + 2 Enden = ungerader Sechser
    • Stärkstes Gehörn mit 3 bis 6 Jahren
    Bild eines geraden Sechsers

    Jahreszyklus

    • Oktober bis Dezember: Geweihabwurf
    • März/April (teils bis Juni): Fegezeit
      • Entfernen des Bastes vom Gehörn
      • Markierung des Einstandes (Duftdrüse)
      • zur Reviermarkierung wird auch nach Abstreifen des Bastes gefegt
    Rehbock Bast

    Alt fegt vor Jung.

    Im Gegensatz zum Rotwild findet die Geweihentwicklung in der äsungsarmen Winterzeit statt.

    Aufbau

    Aufbau des Geweihs/Gehörns beim Rehbock

    Entwicklung

    Allgemeines

    • Erstlingsgehörn: Gehörn des Bockkitzes im 1. Jahr
    • Jährlingsgehörn: Erstes Folgegehörn
      • Je nach Veranlagung Knopfbock oder Spießer bis schwacher Sechser
      • Rosen vorhanden
    • Knopfbock: Gehörn entspricht einem „Knopf“
      1. Verbliebenes Erstlingsgehörn (dann keine Rosen)
      2. Als schlechte Entwicklungsvariante (mit Rosen)
    • Knopfböcke können in jedem Alter vorkommen

    Erstlingsgehörn (Zeitverlauf)

    Monat

    (Alter)

    Gehörn

    August/September

    (3. Monat)

    Oktober/November

    (5/6. Monat)

    November/Dezember

    (6./7. Monat)

    Januar/Februar

    (7./8. Monat)

    Februar bis April

    (8. – 10. Monat)

    Das Rehwild ist der einzige heimische Geweihträger, der bereits im ersten Lebensjahr ein Geweih schiebt.

    Beurteilung

    • Unterscheidung in gute und schlechte Entwicklung
    • Ursachen
      • Vor allem Ernährung
      • Auch Erb- und Umweltfaktoren
    Rehbock Spießer
    Rehbock Gehörn

    Bestimmung des Alters am Gehörn

    KriteriumJunger Bock Alter Bock
    Rosenstockhöhe langkurz
    Rosenstockdurchmesserkleingroß
    Stirnnahtsichtbarkaum sichtbar durch Verknöcherung

    Es gibt noch weitere Merkmale zur Altersansprache, die allerdings deutlich unsicherer sind. Einige Beispiele beim alten Bock sind:

    • Größere Masse des Gehörns
    • Verteilung der Masse ist näher an der Basis
    • Nasenbein ist flacher und breiter

    Gehörnformen

    FormAbbildung
    Gerade und parallelRehbock gerade - parallel
    Gerade und ausgelegt (v-förmig)Rehbock gerade - ausgelegt
    EiformRehbock Eiform
    KorbformReh Korbform
    LyraformRehbock Lyraform
    Geschnürte Form
    Kreuzgehörn
    Marschierendes Gehörn Rehbock - marschierendes Gehörn

    Bewertung

    • Basiert auf Formeln nach Punkten
      • Bieger Formel
      • Internationale Formel

    Kriterien

    • Stangenlänge
    • Auslage
    • Gehörngewicht
    • Gehörnvolumen
    • Schönheitspunkte: Farbe, Rosen, Spitzen der Enden
    • Zuschläge/Abzüge: Enden, Regelmäßigkeit, Gehörnform, Gehörnmasse

    Regelwidrigkeiten

    • Ursachen
      • Hormonstörung/Stoffwechselstörung
      • Körperverletzungen
      • Weitere Ursachen
    • Gehörn im folgenden Jahr ist die Grundlage für die Beurteilung der Regelwidrigkeit (Folgegehörn).

    Hormonstörung/Stoffwechselstörung

    • Häufig ist das Folgegehörn ebenfalls regelwidrig.

    Bezeichnung

    Merkmal

    Ursache

    Folgegehörn

    Perückengehörn
    • Ungebremstes Geweihwachstum
    • Späteres Absterben und eitriger Zerfall
    Ausfall des männlichen Sexualhormons (z.B. bei fehlenden Brunftkugeln)
    • Geweih wird nicht abgeworfen
    • Abschussbock (geht irgendwann ein)

    Korkenziehergehörn

    Stangen verdreht

    Stoffwechselstörung und Parasitenbefall

    Abschuss, da Gesundheitsstörung

    Widdergehörn

    Stangen verdreht

    Störung der Verknöcherung

    Abschuss, da Gesundheitsstörung

    Körperverletzungen

    • Ort der Verletzung ist entscheidend für das Folgegehörn.
    • Verletzung des Geweihs → voraussichtlich normales Folgegehörn
      • Stangenbruch → Einstangengehörn
      • Rosenstockbrüche
    • Verletzung des Bastgeweihs (Kolben) → Voraussichtlich normales Folgegehörn
      • Vielendigkeit
      • Knickbruch
      • Pechgeweih:
      • Blasengeweih: Entzündungen am Bastgeweih durch Verletzungen oder Insektenstiche
    • Verletzung von Rosenstock oder Schädel → voraussichtlich abnormales Folgegehörn
      • Rosenstockbruch → Einstangengehörn
      • Fehlender Rosenstock → Einstangengehörn
      • Anlagefehler des Stirnbeins → Stangenverwachsung
      • Verletzung des Stirnbeins → Mehrstangengeweih

    Weitere Ursachen

    • Ledergeweih: Bast wird nicht richtig verfegt
    • Frostgeweih: Die Stangen enden oberhalb der Rosen. Als Ursachen kommen Erfrierungen des Bastgeweihs und Stoffwechselstörungen infrage.


    Gebiss

    Typisches Wiederkäuergebiss

    Milchgebiss

    • Der dritte Prämolare (p4) ist im Milchgebiss dreiteilig.
    Milchgebiss des Rehwild

    Das Rehkitz wird mit dem kompletten Milchgebiss geboren.

      Dauergebiss

      Dauergebiss des Rehwild

      Altersschätzung

      AlterMerkmal
      3. MonatSchieben des M1
      5. MonatWechsel des I1
      6. MonatSchieben des M2
      8. MonatWechsel des I2
      10. MonatWechsel des I3
      11. MonatWechsel des C
      12. MonatSchieben des M3
      13. MonatWechsel von P2 – P4
      14. MonatVollständiges Dauergebiss

      3 – 6 – 12 (Schieben der Molaren M1-M3)

      Die Alterseinschätzung anhand des Gebisses ist aufgrund des Zahnwechsels im ersten Lebensjahr sehr genau. Danach sind Rückschlüsse aufgrund des Zahnabriebs deutlich gröbere Schätzungen.

      Geschlechtsunterscheidung

      • Winkelfortsatz des Unterkieferastes
        • ♂ - Winkelfortsatz zeigt nach unten (Furche)
        • ♀ - Winkelfortsatz zeigt nach hinten (keine Furche)
      Geschlechtsunterscheidung des Rehwildes anhand des Winkelfortsatzes am Kiefer

      Ernährung

      Allgemeines

      • Konzentratselektierer
        • energie- und nährstoffreich
        • leicht verdaulich
      • Jahresverlauf
        • Höchste Nährstoffaufnahme im Herbst
        • Geringste Nährstoffaufnahme im Januar/Februar

      Nahrung

      • Sommer: Blüten, Kräuter, Klee, Triebe, Blätter
      • Herbst: Früchte, Beeren, Pilze, Eicheln, Bucheckern
      • Winter: Knospen, Triebe, Beerenkraut, Feldfrüchte
        • Reduktion der Bewegung und des Stoffwechsels
        • geringerer Äsungsbedarf
        • verkleinerter Pansen
      • wenig Gras (5 % der Gesamtäsung)

      Losung

      • unabhängig vom Geschlecht

      Rehwildlosung


      Lebensraum und Lebensweise

      Vorkommen

      • Biotoptyp
      • Deutschland: flächendeckend
      • Feldrehe: leben dauerhaft außerhalb des Waldes
      Rehbock am Waldrand

      Verhalten

      • Sommer: einzeln (territorial)
      • Winter: gesellig in Sprüngen
      • Revierbesetzung durch reifen Rehbock ab März/April
        • weibliches Wild und unreife Böcke werden geduldet
        • Reviermarkierung der Rehböcke
          • Fegestellen entstehen durch das Verfegen des Gehörns an Bäumen und Sträuchern. Sie werden durch die Sekrete der Stirndrüse markiert.
          • Plätzstellen werden mit den Vorderläufen in den Boden geschlagen. Mit dem Sekret der Klauensäckchen erfolgt die Duftmarkierung.
        • Je besser das Revier als Setzplatz geeignet ist, desto zahlreicher sind die Ricken.
      • tagsüber in Deckung
      • Dämmerung und nach Niederschlag austritt zum Äsen
      • Kurzflüchter
      • Kulturfolger
      Sprung Rehe Bast

      Fortpflanzung

      Brunft

      • Brunftzeit: Juli/August (3 – 4 Wochen)
        • Erkennbar an erhöhter Aktivität, insbesondere der Jungböcke
        • Je wärmer, desto lebhafter
      • Brunftschrei: Keuchen
      • Brunftkämpfe: Imponierverhalten, Drohgebärden, Plätzen und Gehörnstöße ins Leere, keine echten Rangordnungskämpfe
      • Einzelbrunft (keine Rudel)
      • Hexenringe entstehen beim kreisförmigen Treiben (Spuren im Boden)
      • Ricke nur für 2 – 3 Tage brunftig

      Rehwild PaarungszeitTreiben von Rehbock und Ricke in der Blattzeit

      Blattzeit

      • Zeit während der Brunft des Rehwildes, in der die Blattjagd erfolgreich ausgeübt werden kann.
        • Häufig wird mit der Blattzeit auch die gesamte Brunft des Rehwildes beschrieben.
      • Beginnt später als die Brunft des Rehwildes, wenn bereits ein großer Teil der Schmalrehe und Ricken beschlagen sind.
        • Rehböcke lassen sich dann leichter durch den Jäger anlocken, da sie kaum noch brunftige, weibliche Rehe finden.

      Jungtierentwicklung

      • Tragzeit: 9 Monate
        • mit Eiruhe (ca. 3 Monate)
          • Zeit zwischen Befruchtung und verzögertem Beginn der Embryonalentwicklung
          • dauert von September bis Dezember
      • Setzzeit: Mai/Juni
        • behaart und sehend
      • 1 – 2 (bis zu 3) Kitze pro Ricke
      • Rehwild gehört zum Ablegetyp
        • Kitze werden gerne in hohem Gras abgelegt.
        • Vorsicht: Ausmähgefahr
      • Säugen für 6 – 7 Monate
      • Zuwachsrate 80 – 100 % (bezogen auf die Zahl der Ricken am 1. April)
      • Geschlechtsreife mit etwa 14 Monaten

      Beschlagene RickeRicke beim Säugen ihres Rehkitzes in FleckenfärbungRicke mit zwei Rehkitzen


      Praxistipps

      Jahresverlauf des Rehwild

      Geweihentwicklung und Fortpflanzung wiederholen sich jedes Jahr im gleichen Zyklus. Hierbei müssen sich nur zwei Dinge gemerkt werden.

      1. Die Setzzeit ist bei allen Schalenwildarten im äsungsreichen Mai und Juni.
      2. Die Brunft findet beim Rehwild im Juli und August statt.

      Daraus können die Tragzeit, sowie die Zeiträume des Fegens und Abwerfens hergeleitet werden.

      Die Tragzeit von der Brunft bis zur Setzzeit dauert etwa 9 Monate (mit 3 Monaten Eiruhe).

      Das Geweih muss pünktlich zur Brunft fertig verfegt sein. Die Fegezeit geht also bis in den Juni. Nach der Brunft kann das Geweih ab Oktober wieder abgeworfen werden.

      Jahresverlauf des Rehwildes für Geweihentwicklung und Fortpflanzung

      Ansprechen

      Männliches Rehwild

      Merkmal

      Jünger

      Älter

      Körperbau

      hochläufig

      gedrungen

      Träger

      schmal, hoch

      stark, fast waagerecht

      Vorderläufe

      eng

      breit

      Verfärben

      früh

      spät

      Gehörn

      schiebt spät

      schiebt früh

      Fegezeitpunkt

      Juni

      April

      Abwurfzeitpunkt

      Dezember

      Ende Oktober

      Verhalten

      unruhig, spielerisch, nicht territorial

      vorsichtig, misstrauisch, territorial

      Beispiel

      Junger Rehbockspießer

      Rehbock älter

      Weibliches Rehwild

      Rehwild Ricke und Schmalreh Rehwild SchmalrehAnsprechen von weiblichem Rehwild im Frühjahr

      Geschlechterunterscheidung im Winter

      Merkmal♂Bock♀Ricke
      Spiegel (nur im Winterhaar) nierenförmigherzförmig mit Schürze
      Art des Nässens Nässt stehend direkt unter sich.Hockt sich nach hinten-unten um zu nässen.
      GeschlechtsorganePinsel beim Bock im Winterhaar erkennbarSichtbarkeit des Kurzwildbrets

      Pirsch

      Sinnesorgane

      • Gesichtssinn: Äugt vor allem bewegte Objekte mit weitem Sehfeld
      • Geruch: Windet sehr gut
      • Gehör: Vernimmt gut

      Lautäußerungen

      • Schrecken: Laut des Rehs bei Beunruhigung
      • Klagen: Laut des Rehs bei Schmerz und Angst
      • Fiepen: Lockruf der Ricke oder des Schmalrehs in der Brunft

      Fährte

      Tritt und Fährte des Rehwildes ähneln dem Rotwild. Allerdings sind die einzelnen Tritte deutlich geringer und schmaler. Auch die Ballen sind häufig nicht so klar abgrenzbar.

      Rehwild Tritt und Fährte