Paarhufer cover

Einführung zum Schalenwild

Letzte Aktualisierung: 14.10.2021

Zusammenfassung

Schalenwild sind alle dem Jagdrecht unterliegenden Paarhufer, da ihre Hufe in der Waidmannssprache als „Schalen bezeichnet werden. Alles Schalenwild – außer Rehwild – gehört zum Hochwild. Bis auf das Schwarzwild sind alle Schalenwildarten Wiederkäuer.

Die Wiederkäuer haben ein typisches Wiederkäuergebiss und einen speziellen Wiederkäuermagen. Man unterscheidet zwischen Geweihträgern (Cerviden) und Hornträger (Boviden). Bei den Geweihträgern bildet nur das männliche Stück jährlich neue Stirnwaffen aus und wirft sie wieder ab. Bei den Hornträgern entwickeln meist beide Geschlechter ein Gehörn. Dieses wächst ein Leben lang weiter. Je nach Art der Äsung wird bei den Wiederkäuern zwischen Konzentratselektierern, Mischäsern und Raufutterfressern unterschieden.


Grundlagen

Allgemeines

  • Paarhufer: Zoologische Ordnung der Säugetiere mit einer geraden Anzahl von Zehen.
  • Schalenwild: Dem Jagdrecht unterliegende Paarhufer, deren Hufe als Schalen bezeichnet werden.

Einteilung des Schalenwildes

Unterteilung der Geweihträger

TrughirscheEchte Hirsche
Erklärung
  • Überrest des 2./5. Mittelhandknochen ist nur unten erhalten
  • Überrest des 2./5. Mittelhandknochen ist oben und unten erhalten
AbbildungLaufskelett der TrughirscheLaufskelett der echten Hirsche
Wildarten

Wiederkäuer

Kennzeichen

Wiederkäuergebiss

Schema eines typischen Wiederkäuergebisses am Beispiel des Rotwildes. Im Oberkiefer fehlen die Schneidezähne, an deren Stelle eine verhornte Kauplatte zu finden ist. Die oberen Eckzähne sind meist vollkommen zurückgebildet. Beim Rotwild und Sikawild sind sie jedoch als Relikt vorhanden und werden dann als Haken oder Grandeln bezeichnet. Im Unterkiefer sind die Eckzähne als funktionelle Schneidezähne vorgezogen. Hierdurch entsteht eine große Lücke zu den Backenzähnen. Diese bilden eine große Kaufläche zum Wiederkauen.

Kauplatte Rothirsch

Wiederkäuergebiss Schema am Beispiel des Rotwildes

Wiederkäuer besitzen keinen ersten Prämolaren (P1). Deshalb wird in der Zahnformel mit dem zweiten Prämolaren (P2) begonnen.

Milchgebiss

  • keine Molaren (diese folgen im Dauergebiss)
  • der hinterste Prämolare (p4) ist dreiteilig
    • Im Dauergebiss dann zweiteilig

Dreiteiliger Backenzahn (P4)

Der hinterste Prämolare (p4) ist im Milchgebiss dreiteilig und wird im Dauergebiss auf zweiteilig gewechselt.

In der mündlichen Prüfung wird manchmal nach dem dritten Prämolaren gefragt. Hiermit ist meist der p4 gemeint, der im Milchgebiss dreiteilig ist.

Alterseinschätzung

  • Zustand und Abnutzung der Backenzähne (Abschliff)
    • Je flacher die Kunden, desto älter das Tier
  • Auch die Dentinfarbe kann herangezogen werden.
  • Altersbestimmung bei Jungwild zum Teil sehr genau möglich
Altersschätzung Milchgebiss

Übersicht der Zahnformeln des Schalenwildes

Geweihträger
Zahnformel (Dauergebiss)Abschluss der Zahnentwicklung (Monate)
Rehwild14
Elchwild20
Damwild26
Sikawild28
Rotwild30
Hornträger
Zahnformel (Dauergebiss)Abschluss der Zahnentwicklung (Monate)
Gamswild44
Steinwild44
Muffelwild44
Schwarzwild
Zahnformel (Dauergebiss)Abschluss der Zahnentwicklung (Monate)
Schwarzwild24

Wiederkäuermagen

Aufbau

Säugetiere können pflanzliche Nahrung nur mit Hilfe von speziellen Bakterien als Enzymlieferanten (Verdauungssäfte) verdauen. Bei den Wiederkäuern erfolgt diese Aufspaltung der Nahrung vor allem im Vormagen, der aus Pansen, Netzmagen und Blättermagen besteht. Darauf folgt der Labmagen.

Schematischer Aufbau des Wiederkäuermagens

Der Wiederkäuermagen ist sehr sensibel. Deshalb müssen wir ihn PeNiBeL füttern. PeNiBeL: Pansen, Netzmagen, Blättermagen, Labmagen.

Verdauungsvorgang

Über den Schlund wird die Nahrung aus dem Mundraum zum Magen transportiert. Hier wird sie vom Netzmagen sortiert und durchmischt. Zu grobe Äsung wird in den Pansen oder zurück in den Schlund zum Wiederkäuen weitergeleitet. Im Pansen findet die Aufspaltung durch bakterielle Enzyme statt. Außerdem dient der Pansen als Nahrungsreservoir. Ist der Speisebrei fein genug lässt der Netzmagen ihn in den Blättermagen passieren, wo durch die Verdauungsblätter Nährstoffe und Wasser entzogen werden. Im Labmagen erfolgt eine letzte Ansäuerung des Speisebreis bevor die weitere Nährstoffresorption im Dünndarm ansteht. Eiweiße, die von Bakterien im Magen produziert wurden, werden hier aufgenommen. Der sich anschließende Dickdarm dient vor allem der Wasserresorption zur Andickung des Stuhls.

Schema des Verdauungsvorgangs bei Wiederkäuern

Bei richtiger Ernährung produzieren Wiederkäuer das benötigte Eiweiß mit Hilfe von Bakterien selbst.

Äsungstypen

SelektiererMischäser (Zwischentyp)Gras- /Raufutterfresser
Äsung
  • Leicht verdauliche und energiereiche Nahrung (z.B. Kräuter, Blüten, Blätter, Früchte, Triebe)
  • Flächiges Äsen
  • Sommer: Leicht verdauliche Nahrung (z.B. Kräuter, Sträucher)
  • Winter: Faserreiche Nahrung (z.B. Gras, Blätter)
  • Schwer verdauliche Nahrung (viel Gras)
Verdauung
  • Kleiner Pansen
  • Rasche Verdauung
  • Großer, anpassungsfähiger Pansen
  • Riesiger Pansen
  • Langsame Verdauung
Äsungszyklen
  • Viele Fressperioden (bis 12 pro Tag)
  • Mittlere Menge (bis 8 pro Tag)
  • Wenige und lange Fressperioden (bis 4 pro Tag)
Wildart

Praxistipp: Fütterung

  • Für die Fütterung ist der Äsungstyp für die Wahl des Futters relevant.
  • Beim Abbau von Zellulose entsteht Säure. Diese säuert den Pansen an.
  • Das Wiederkäuen neutralisiert diese Säure.
  • Bei der Fütterung mit strukturlosem Kraftfutter ist das Wiederkäuen nicht notwendig.
  • Es kommt zu einer Übersäuerung des Magens, welche zum Verenden des Wildes führen kann.

Schaumige Gärung Fütterung Bedenkliche Merkmale

Die Notzeitfütterung ist entsprechend des Äsungstyps durchzuführen!

Eine Fütterung, die nicht dem Äsungstyp entspricht, kann zur Vergiftung des Wildes führen.


Körperbau

Allgemeines

WaidmannsspracheLaiensprache
LauscherOhren bei Schalenwild (außer Schwarzwild)
LichterAugen des Schalenwildes
WindfangNase des Schalenwildes (außer Schwarzwild)
ÄserMaul des Haarwildes
Lauf/LäufeBeine von vierfüßigem Wild
SchalenKlauen der Wiederkäuer und des Schwarzwildes
GeäfterNach hinten stehende Klauen oberhalb der Schalen bei Schalenwild
WiderristErhöhter Übergang vom Hals zum Rücken bei Vierbeinern (z.B. Schalenwild oder Hunde)
WedelSchwanz bei Schalenwild (außer Schwarzwild)
SpiegelHeller Fleck um das Weidloch von Schalenwild
WeidlochAfter des Wildes
FeuchtblattÄußeres weibliches Geschlechtsteil bei Schalenwild
SpinneGesäuge bei Rehwild und den Hirschen
BrunftruteMännliches Geschlechtsteil bei Schalenwild
♂ BrunftkugelnHoden bei Schalenwild (außer Schwarzwild)

Innere Organe

WaidmannsspracheLaiensprache
LeckerZunge des Schalenwildes (außer Schwarzwild: Zunge)
SchlundSpeiseröhre des Wildes
DrosselLuftröhre bei allem Schalenwild
DrosselknopfKehlkopf beim Schalenwild. Knoten an dem die Drossel und der Schlund zusammenhängen.
GescheideInnere Organe in der Bauchhöhle des Schalenwildes. Setzt sich zusammen aus dem Kleinen Gescheide (Weiddarm, Blase, innere Geschlechtsorgane) und dem Großem Gescheide (Pansen), sowie der inneren Organe (Leber, Milz, Niere)
Kleines GescheideUnterteilung des Gescheides zu der Weiddarm, Harnblase und innere Geschlechtsorgane gehören.
Großes GescheideUnterteilung des Gescheides zu dem nur der Pansen gehört.
GeräuschInnere Organe in der Brusthöhle des Wildes (Herz und Lunge), sowie angrenzende Organe der Bauchhöhle (Lebern, Niere, Milz). Entspricht dem Kleinen Jägerrecht.
TragsackGebärmutter des Haarwildes
Rotwild Schalenwild Wiederkäuer Organe

Alles, was seine Gallenblase abgeworfen hat, wirft auch sein Geweih ab.

Skelett

Aufbau

Rotwild Schalenwild Skelett

Laufskelett

  • Paarhufer: 2 Zehen (ein Paar) als Standfläche
  • Schalen (auch Klauen oder Hufe) sind die mit Horn überzogenen Zehen
  • Geäfter (Afterzehen): Das Geäfter sind bei Schalenwild nach hinten und oben zurückgezogene Strahlen des Laufskeletts.

Schwarzwildlauf

Fährte

Um beim Lesen der Fährte des Schalenwildes die einzelnen Tritte zu verstehen, hilft die Ansicht des Laufs von unten. Jeder Teil der Laufunterseite hinterlässt einen bestimmten Abdruck im Tritt. Der Schalenrand und die Ballen hinterlassen im Tritt Vertiefungen, wohingegen die Hohle der Laufunterseite als Erhöhung im Boden zu erkennen ist. Das Geäfter wird meist beim flüchtigen Schalenwild abgezeichnet. Beim Schwarzwild wird das Geäfter hingegen auch beim vertraut ziehenden Wild abgebildet.

  • Schalenrand → Schalenumriss (Vertiefung)
  • Ballen → Ballenabdruck (Vertiefung)
  • Geäfter → Geäfterabdruck (Vertiefung)
  • Hohle → Burgstall (Erhebung)
LaufunterseiteTritt
Laufunterseite des Schalenwildes

Rotwild Tritt

Schwarzwildtritt mit deutlich abgezeichnetem Geäfter


Kopfschmuck

Geweihträger und Hornträger

Merkmal Geweihträger (Cervide)Hornträger (Bovide)
KopfschmuckGeweih nur bei männlichem WildGehörn bei beiden Geschlechtern
MaterialKnochenHorn
BasisRosenstöckeKnöcherne Stirnzapfen
NährhautBastnicht vorhanden
Geweihwachstumzyklisch (hormongesteuert)dauerhaft
Geweihabwurfjährlichnie
Altersbestimmungungenaumöglich anhand von Alters-/Jahresringen
Gallenblasekeine

vorhanden

Zahnentwicklungkurzlang

Geweihträger

Allgemeines

  • Nur die Hirsche tragen ein knöchernes Geweih
  • Dient als Rangzeichen und Waffe
  • Das Geweih wird jährlich abgeworfen und erneuert.
  • Wachstum im Schutz vom Bast (Nährhaut)
    • Abfegen des Bastes nach Abschluss des Geweihwachstums an Bäumen und Sträuchern
  • Färbung des Geweihs durch Pflanzenreste, Harz und Schweiß
  • Zustand des Geweihs ermöglicht Rückschlüsse auf:
    • Veranlagung
    • Alter und Entwicklung
    • Gesundheitliche Verfassung
Waidmannssprache
SchiebenWachstum des Geweihs im Bast
FegenDas Abreiben des Basts
AbwurfstangeAbgeworfenes Geweih
PasstangeZwei zueinander passende Abwurfstangen vom selben Stück des gleichen Jahres

Jahreszyklus

  1. Abwerfen
  2. Schieben: Meist in der äsungsreichen Frühjahrs-/Sommerzeit
  3. Fegen: Vor Beginn der Brunft

Alt fegt vor Jung!

Jährlinge sind bei der Geweihentwicklung etwa 2 Monate hinterher.

Es dauert etwa fünf Monate vom abgeworfenen bis zum gefegten neuen Geweih.

Übersicht
WildartAbwerfenSchiebenFegenBrunft
RehwildOktober/NovemberDezember – FebruarMärz/AprilJuli/August
ElchwildDezember/JanuarMai – JuliAugust/SeptemberSeptember/Oktober
RotwildFebruar/MärzApril – JuniJuli/AugustSeptember/Oktober
Damwild/SikawildApril/MaiJuni/JuliAugust/SeptemberOktober/November

Oktober und November, da wirft das Reh die Ständer.

Das Rotwild macht es wie zuvor, doch F(ebruar) und M(ärz) sind sein Ressort.

Das Damwild wirft die Stangen frei von Ende März bis Anfang Mai.


Fortpflanzung und Lebenszyklus

Jahreszyklus

  • Setzzeit: Mai/Juni
  • Brunftzeit: je nach Wildart zwischen Juli und Januar
  • Tragzeit: Differenz von Brunftzeit (Paarungszeit) zu Setzzeit (Gebärzeit)

Übersicht

WildartMaiJuniJuliAugstSeptemberOktoberNovemberDezemberJanuarFebruar
RehwildSetzzeitBrunftTragzeit (9,5 Monate)
WisentBrunftTragzeit 9 (Monate)
Rotwild/ElchwildBrunftTragzeit (8 Monate)
Damwild/SikawildBrunftTragzeit (7 Monate)
Gamswild/MuffelwildBrunftTragzeit (6 Monate)
SteinwildBrunftTragzeit (5 Monate)

Jungtierentwicklung

  • in der Regel 1 – 2 Jungtiere pro Muttertier
  • Nur die Muttertiere sind an der Aufzucht des Nachwuchses beteiligt.
  • Die Jungtiere sind Nestflüchter.

Ablegetyp und Nachfolgetyp

  • Ablegetyp: Jungwild kann der Mutter nach der Geburt nicht über längere Strecken folgen und wird abgelegt.
  • Nachfolgetyp: Jungwild kann der Mutter nach der Geburt sofort über längere Strecken folgen und wird nicht abgelegt.

RehkitzElchkalb


Waidmannssprache

WaidmannsspracheLaiensprache
EinstandOrt, an dem sich Schalenwild bevorzugt aufhält. Es wird zwischen Sommer- und Wintereinstand unterschieden.
BettRuhelager des Schalenwildes (außer Schwarzwild: Lager)
SchlosstrittLaufabdruck in der Mitte des Bettes
Abspringenflüchtig werden von Schalenwild